Wasserknappheit in der Schweiz vs Wasserknappheit weltweit
Stellen Sie sich folgendes vor: Der Vierwaldstättersee vor diesem Gebäude ist komplett ausgetrocknet. Die Landwirtschaft im Oberlauf der Zuflüsse verbraucht alles Wasser. Sie müssen jeden Tag 20 Liter Wasser abkochen, weil es schmutzig und leicht braun aus dem Wasserhahn fliesst. Duschen können Sie nur noch einmal die Woche. Wasser ist sehr knapp und teuer. Nur noch die Reichsten können es sich leisten den Garten zu wässern und im Swimmingpool zu baden.
Was ich hier beschreibe ist bei uns Gott sei dank nicht der Fall! Wir leben in einem sehr gut entwickelten Land an einem wunderbaren Ort. Geografisch befinden wir uns im Wasserschloss Europas. Wir haben eine angepasste Gesetzgebung und eine zur Zeit gute Konjunktur. Wir sind privilegiert. Wir können unseren Wasserverbrauch von mehr als 160 Liter pro Tag und Person problemlos decken.
Doch nicht sehr weit weg von uns herrscht arge Wasserknappheit. In der Schweiz haben wir rund 10 mal mehr Wasser für den täglichen Gebrauch zur Verfügung als in den Ländern des Südens. Ein durchschnittlicher Bürger im Sudan oder Angola braucht weniger als 20 Liter pro Tag. Dies auf Kosten von Lebensqualität, Hygiene und Gesundheit.
Die Probleme um die Ressource Wasser sind sehr vielfältig
Die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Ressource Wasser sind sehr vielfältig. Sie betreffen Einzelpersonen genau so wie ganze Staaten. Und sie betreffen sowohl unser Gemüsebeet hinter dem Haus als auch riesige Felder und Landstriche.
Die Dimension der Probleme und Auswirkungen auf Wasser und andere natürliche Ressourcen hat lokale, aber auch globale Ausprägungen. Ich spreche hier von Bevölkerungswachstum, wirtschaftlicher Entwicklung, Klimawandel und weltweit steigendem Nahrungsmittelbedarf.
Aber genau so auch von Krankheiten durch schlechte Wasserqualität, Armut, unterversorgte Slums und ausgetrocknete Äcker. Alles Probleme, die wir hier bei uns auf diese Art nicht kennen.
Die Probleme sind weit entfernt - in einer anderen Welt.
Was geht das uns also an was tausende von Kilometern entfernt passiert? Wieso soll es uns interessieren was die Kinder oder Bauern in Timbuktu oder Hinterindien machen?
Interessiert es uns, warum immer mehr Menschen in Städte ziehen? Warum sie Land, Vieh und Behausung hinter sich lassen ohne Aussicht auf einen Job? Oder weshalb sie ein wirtschaftlich besseres Pflaster suchen weil ihnen in ihrer Heimat die Lebensgrundlage fehlt?
Verändern des sozio-ökonomischen Kontextes
Der weltweite sozio-ökonomische Kontext ist im Wandel. Gemäss einem Bericht der Vereinten Nationen (United Nations World Water Development Report 2 ) leben rund 17 Prozent der Weltbevölkerung oder 1.1 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Trinkwasser. Mit steigender Tendenz. Rund 40 Prozent oder 2.6 Milliarden Menschen leben ohne Anschluss an sanitäre Anlagen.
Die notleidende Bevölkerung der Welt befindet sich in einem Zustand von Hunger, Durst, Krankheiten und Marginalisierung. Und täglich sterben ca. 6000 Kinder, weil sie verunreinigtes, mit Bakterien verseuchtes Wasser trinken.
Dies alles verunmöglicht es diesen Menschen aus dem Teufelskreis auszubrechen. Wasser ist oft zu teuer um es zu kaufen oder zu weit zu tragen. Abwassersysteme sind nicht vorhanden.
Gleichzeitig gibt es gerade in den Entwicklungsländern das grösste Bevölkerungswachstum. Verbunden mit immer mehr Armen gibt es hier aber auch immer mehr Reiche. Diese haben einen unglaublich grossen Bedarf an wasserintensiven Lebensmitteln, insbesondere viel mehr Fleisch. Die Produktion eines Kilo Rindfleisches benötigt rund 20 mal soviel Wasser wie für ein Kilo Mais und gut hundert mal soviel wie für ein Kilo Kartoffeln. (Bericht A.Y. Hoekstra, IHE Delft - Virtual Water Trade, 2003).
Der weltweite Kalorienbedarf wächst heute doppelt so schnell wie die Bevölkerung!
Mit steigendem weltweitem Wohlstand steigt also auch der Nahrungsbedarf und die Ansprüche an die Landwirtschaft. Dies mit direktem Einfluss auf die Nutzung der Ressource Wasser. Was das im Hinblick auf die rasante Entwicklung von mehr als zweieinhalb Milliarden Inder und Chinesen bedeutet, können Sie sich selber denken.
Nicht nur demografisches und wirtschaftliches Wachstum, auch eine veränderte Siedlungsstruktur und Migration beeinflusst den Umgang und die Verteilung von Wasser entscheidend. Heute lebt mehr als die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung konzentriert in Städten. Zudem schätzt das Worldwatch Institute, dass zur Zeit rund 30 Millionen Menschen aufgrund von Umweltdegradation in Bewegung oder auf der Flucht sind.
Dies zusätzlich zu den 17 Millionen die aufgrund von Kriegen und Verfolgung ihr Land verlassen. Es wird geschätzt, dass bis 2050, die Umweltflüchtlinge auf bis zu 150 Millionen steigen könnten. Das hat auch Migration in die wasserreiche und fruchtbare Schweiz zur Folge.
Politische und ökonomische Herausforderungen
Unsere natürlichen Ressourcen, Boden, Wasser und somit auch die Landwirtschaft ist noch mit weiteren Herausforderungen konfrontiert. Altbewährte Strukturen und Staaten brechen auf und kreieren eine neue geopolitische Ordnung. Globalisierung, Ende der Sovietunion, desolate Verhältnisse in den Staaten Afrikas, Kriege und Konflikte verstärken den Druck auf die Bevölkerung. Schwierigste Lebensbedingungen und der gleichzeitige Wunsch nach besseren Verhältnissen, der Wunsch nach den Errungenschaften der Zivilisation, stehen im Widerspruch zueinander. Die Zeche für den Versuch aus diesem Teufelskreis auszubrechen bezahlt vielfach die Natur und damit auch die Quantität und Qualität der Wasserressourcen.
Der Wunsch nach “schneller”, “grösser” und “besser” ist grösser denn je. Wir sind nicht mit dem Spatz in der Hand zufrieden. Die Taube muss her!
Felder werden übernutzt, bestehende Ökosysteme und fossile Wasserreserven ausgebeutet. Flüsse werden umgeleitet und für Stauseen Menschen umgesiedelt. Es werden Sümpfe ausgetrocknet, Wälder abgeholzt und Meere überfischt. Dies im Dienst von ökonomischem globalen Wachstum, aber auch im Partikulärinteresse einzelner Staaten.
Wie Sie sich vorstellen können, hat das alles nicht nur kurzfristige, reparable Auswirkungen. Versalzte Böden, Desertifikation gestörte Ökosysteme und Klimawandel sind Folge des gestörten ökologischen Gleichgewichts. Wirtschaftliche Folgen aufgrund von Umweltdegradation werden durch neuste Studien nachgewiesen und untermauert. (Lester Brown, 1995, 2005) Menschliche Eingriffe haben unsere natürlichen Lebensräume nachweislich verändert. Sie haben einen zunehmenden Einfluss auf die Lebensqualität.
Dass diese Probleme alle bestehen, wissen wir ja eigentlich alle. Wir kennen aber auch die meisten technischen Lösungen. In gut entwickelten Staaten ist es möglich ökonomisches Wachstum unter Berücksichtigung der Ökologie zu fördern. Auch Anstrengungen und Tendenzen im Südlichen Afrika, zum Beispiel bei der Bewirtschaftung des Sambesi sind durchwegs positiv. Das seit einigen Jahren eingeführte und praktizierte Konzept des “Integrated Water Resource Management” versucht alle Probleme zu integrieren und beteiligte Akteure an einen Tisch zu bringen. Ein ganzheitlicher und positiver Ansatz zur Lösung der lokalen Probleme. Menschen zusammenführen und gegenseitige Toleranz schafft Lösungen.
Und was hat das mit uns zu tun?
Dem gegenüber steht eine zunehmend globalisierte und urbane Welt
Die Welt ist immer mehr zu einem Dorf geworfen. Und das ist auch so für die Verteilung von Produkten die mit grossen Mengen an Wasser produziert werden. Wir konsumieren Äpfel aus Neuseeland, Bananen aus Uganda und auch schon habe ich im Laden frischen Basilikum aus Südafrika gesehen oder Spargeln aus Peru. Ob wir es wollen oder nicht: Die Welt wächst zusammen und es wird nicht mehr am gleichen Ort gegessen produziert.
Gleichzeitig werden bei uns die wichtigen Marschrichtungen festgelegt. Die Hauptsitze von multinationalen Konzernen, von weltweiten Nahrungsmittelproduzenten, Handels- und Transportunternehmen sind bei uns. Wir haben Technologie und Wissen und exportieren dieses in alle Welt. Unsere Banken gewähren Kredite und wir Politiker bestimmen bilaterale Handelsvereinbarungen und multilaterale Abkommen. Ein grosser Teil der Entscheidungen mit weltweiten Auswirkungen wird in den gut entwickelten Staaten gefällt. Die Folgen tragen dann aber auch die Produktionsländer und deren Einwohner. Sie nehmen sehr vieles in Kauf um auch vom Wachstum zu profitieren. Übernutzte Böden, schlechte Arbeitsbedingungen, ungenügende Wasserqualität und harte Konkurrenz um die bestehenden Ressourcen sind nur wenige Beispiele der Folgen.
Wir haben das Glück von den Effekten der Globalisierung zu profitieren und können die Chancen der Zeit nutzen. Die Auswirkungen unseres Handelns sind teilweise indirekt. Aber auch wir bekommen sie zu spüren. Migranten aus Ghana, Konflikte, Klimaveränderung, steigende Lebensmittelpreise, knappe Rohstoffe (wie zum Beispiel Kupfer und Kobalt). Zudem sehen wir im Fernsehen Bilder von hungernden Kindern, Konflikten und verödeten Feldern aufgrund Umweltdegradation und Übernutzung.
Dies sind klare Gründe dafür, dass es in unserem eigenen Interesse liegt, für die Probleme der Länder des Südens Verantwortung mitzutragen. Durch die Entflechtung von Produktions- und Konsumstandorten sind wir aber auch moralisch verpflichtet unseren Teil beizutragen.
Als gut entwickeltes Land mit ausgezeichneten Möglichkeiten, als humanitäre und neutrale Schweiz und als mitprofitierende des globalen Handels ist es unsere Pflicht die Verantwortung auch für die Produktionsländer mitzutragen.
Verantwortung für die Schweiz
Wenn die Schweiz Verantwortung wahrnimmt, heisst das aber auf keinen Fall, dass wir die Staaten des Südens von der Verantwortung entbinden sollen. Aber wir können die entsprechenden Rahmenbedingungen setzen und auf strategischer Ebene Einfluss nehmen. Die Schweiz muss sich politisch weiter öffnen. Denn eine Öffnung der Schweiz und ein verstärktes Engagement zur Lösung von Herausforderungen und Auswirkungen des globalen Wandels bringt uns letztends nur Gewinn.
Einzelinitiativen müssen unterstützt werden. Wie z.B. das Projekt Sodis der EAWAG, eine geniale Methode der Trinkwasserentkeimung. Mit diesem Projekt hat die EAWAG nachgewiesen, dass und wie die solare Wasserdesinfektion in Pet-Flaschen funktioniert. Ein einzelnes Projekt kann aber keine Dauerlösung sein. Deshalb muss gleichzeitig von den betroffenen Staaten auch gefordert werden Eigeninitiative aufzuwenden und selber aktiv zu werden.
Slums am Rand von grossen Städten werden beispielsweise oft vernachlässigt. NGO's oder andere Organisationen führen Kleinaktionen zur Wasseraufbereitung durch oder verteilen Wasser. Das ist zwar als Nothilfe absolut berechtigt, entbindet aber so die Entscheidungsträger von Verantwortung. Eigentlich hätten diese jedoch sehr wohl Handlungsmöglichkeiten.
Mit diesen Aktionen wird nichts schlechtes gemacht. Sie sind gut gemeint und als Nothilfe in Ordnung. Im Endeffekt ist es jedoch reine Pflästerlipolitik. Es ist reine Symptom- statt Ursachenbekämpfung. Wir brauchen aber wirkungsvollere Aktionen mit Auswirkungen auf strategischer Ebene. Entscheidungsträger müssen den Ernst der Situation erkennen und in die Pflicht genommen werden.
Die Schweiz muss im Rahmen der Neutralität auch die Position von Benachteiligten der Globalisierung vertreten und auf strategischer Ebene die Verantwortlichen dazu bewegen, selber aktiv zu werden. Korruption in jeglicher Form, aber auch Egozentrik hat hier keinen Platz.
Die Schweiz muss sich im Rahmen einer ganzheitlichen Politik für eine Entwicklung engagieren, die sowohl ökologisch, sozial als auch wirtschaftlich möglichst ausgewogen ist.
Darum hat die Schweiz folgende Handlungsoptionen
Wir müssen einen Teil der Wachstumsforderungen der Wirtschaft und Gesellschaft akzeptieren und ihnen auch Rechnung tragen. Negative Konsequenzen für Ökologie und Soziales müssen wir aber in Betracht ziehen und verhindern.
Als Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft müssen wir für einen sinnvollen und einen nachhaltigen Umgang mit der Ressource Wasser weltweit einstehen. Die Wachstumsforderungen der industrialisierten Wirtschaft und Gesellschaft rufen nach nachhaltigen Lösungen. Es liegt auch in unserer Verantwortung für die Lebensbedingungen an den Produktionsstandorten einzustehen und sie zu verbessern.
Die Lösungen sind vorhanden. Nicht zuletzt haben wir hier in diesem Saal auch viele Spezialisten.
Wir müssen die Probleme beim Namen nennen! Ein zunehmender Druck aufgrund von Wasserknappheit ist identifizierbar. Aber wenn wir richtig handeln, gibt es weder Kriege noch andere Konflikte. Es ist möglich Ökologie, soziales System und Ökonomie in Einklang zu bringen.
Die Umwelt kann keine Verantwortung übernehmen. Der Mensch entscheidet hier und steht im Zentrum.
Beispielsweise darf dem Konflikt in Darfur nicht nur die Schuld an Umweltdegradation und Wassermangel zugeschrieben werden. Namen müssen genannt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Und - das Wasser muss einen Preis bekommen. Nur so kann der Verschwendung in der Landwirtschaft und Industrie entgegengewirkt werden. Ausserdem soll, wer es sich leisten kann einen Swimmingpool zu haben, auch für den Inhalt bezahlen und in die Verantwortung miteinbezogen werden.
Bezahlen heisst auch Verantwortung übernehmen. Nicht nur für sich selber, sondern auch für die Anderen. Jeder soll für das bezahlen was er konsumiert. Trinkwasser muss für jeden verfügbar und erschwinglich sein. Aber selbst wenn freier Zugang zum Wasser als Menschenrecht gelten soll, so heisst das noch nicht, dass es nichts kosten darf.
Unsere Forscher und Politiker müssen Möglichkeiten haben, weltweit die Verantwortung der Schweiz mitzutragen. Sie müssen diese aber auch wahrnehmen. Verantwortung wahrnehmen heisst aber nicht nur ``Hilfe zur Selbsthilfe'' zu delegieren, sondern auch vermehrt selber für Gewinn und Versagen in den Ländern des Südens gerade zu stehen. Dies beinhaltet Investitionen in Bildung und einen Nord-Süd Wissenstransfer. Aber auch eine gute Vernetzung und intensive Kommunikation mit den Staaten des Südens.
Wir müssen vor allem auf strategischer Ebene aktiv sein Massnahmen und Einzelinitiativen können wir unterstützen und Symptombekämpfung auf lokaler Ebene ermöglichen. Der Fokus muss aber auf strategischer Ebene bleiben. Selbstverantwortung an die einzelnen Personen zu übertragen ist richtig. Die entsprechenden Behörden müssen dies ermöglichen und ihre Verantwortung für die Allgemeinheit wahrnehmen. Auf diese Weise können Ursachen bekämpft werden.
Internationale Handelsbeziehungen müssen überdacht werden. Wir brauchen einen besseren und fairen Einbezug der Märkte des Südens in den globalen Handel.
Es gibt die Theorie, dass Wasser nicht bergab sondern in Richtung Geld fliesst. Dies lässt den Schluss zu, dass mit besserer Wirtschaft auch die Situation von Wasserverfügbarkeit verbessert wird. Das bedeutet, dass wir die Länder des Südens nicht ausbeuten dürfen. Durch einen angemessenen Preis müssen wir nicht nur Quantität sondern auch bessere Qualität abkaufen. Wir brauchen Wachstum, aber insbesondere in Qualität und nicht in Ausbeutung und Übernutzung.
Unsere privilegierte Stellung in der Weltwirtschaft und Politik eröffnet uns nicht nur Chancen, sondern auch Pflichten. Wir müssen uns vermehrt öffnen für die Probleme der dritten Welt. Die Globalisierung bringt Probleme mit sich und das macht auch nicht halt vor dem Wasser. Wir wollen die Probleme gemeinsam angehen. Die Schweiz muss noch mehr die globale Verantwortung mit tragen. Nur so können wir auch zuküntigen Generationen mit gutem Gewissen eine Welt hinterlassen, in der Ökologie, Ökonomie und Soziale Systeme im Einklang sind. Ein guter Umgang mit der Globalisierung von Wasserressourcen liegt in unserer Verantwortung. Und somit auch in der Verantwortung der Schweiz.